Vorwort von Massimo S. Lattmann und Sita Mazumder

Massimo S. Lattmann

1995 wurde ich vom damaligen Institut für Betriebswissenschaften der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) angefragt, eine Vorlesung zum Thema „Gründung. Aufbau und Führung neuer Unternehmungen“ zu halten. Die Anfrage kam zwar für mich unerwartet, aber auf Grund der damaligen Situation hätte sie mich nicht überraschen sollen.
Der Konjunktureinbruch der 1990-er Jahre hatte in der Schweiz erstmalig seit dem 2. Weltkrieg eine Arbeitslosenquote von über 4% (mit regionalen Spitzen über 7%) ausgelöst – verglichen mit dem langjährigen Durchschnitt unter 0.5%. Solche Werte hatte es nur in der „grossen Depression“ der 1930-er Jahre gegeben. Ferner wurde man sich langsam bewusst, dass die Herausforderungen nicht nur konjunktureller, sondern vor allem auch struktureller Natur waren und die Schweiz an Konkurrenzfähigkeit und Wachstumsdynamik schon verloren hatte und in der sich abzeichnenden „Globalisierung“ weiter verlieren würde. So entstand eine breite Diskussion, die auch an der bisher weitgehend nach strengen Lehr- und Forschungskriterien geführten ETH nicht spurlos vorbeiging. Es wurde von aussen an die ETH und auch innerhalb der ETH die berechtigte Frage gestellt, warum viel des avantgardistischen und elitären Know-how’s, das hier entwickelt und angesammelt wurde, nicht mehr zu industriellen Innovationen und vor Allem zur Gründung neuer Wachstums-Firmen führte, wie dies etwa in „Silicon Valley“ erfolgte. Denn, wäre dies der Fall, so würde dies einen massgeblichen Beitrag zur Erneuerung und Dynamisierung des wirtschaftlichen Substrates der Schweiz liefern.
1991 hatte ich die von mir 1977 gegründete und geführte Instrumatic-Gruppe verkauft und mich seither dem damals in der Schweiz noch weitgehend unbekannten „Venture Capital“ (VC) zugewandt. Ich hatte VC in den 80’er Jahren auf Grund meiner ausgedehnten beruflichen Kontakten in USA kennen gelernt, wo viele der High-Tech Firmen, mit denen wir wirtschaftliche Beziehungen unterhielten, mit VC finanziert worden waren. Aus dem intensiven Interesse und Auseinandersetzung mit der Materie war mir klar geworden, was VC alles darstellte, nämlich weit mehr als eine Finanzierungsform, sondern eine Kombination und Bündelung von finanziellen, technologischen und unternehmerischen Ressourcen zur Erzeugung von Wohlstand. Hier fühlte ich mich als bestandener High-Tech Unternehmer sehr wohl, und hatte mich entschieden, mich beruflich fortan in diesem Bereich zu betätigen und unter dem Motto „Kapital und Coaching“ einen Beitrag zur Etablierung einer Venture Kapital Kultur in der Schweiz beizutragen.
So beteiligte ich mich in gewissen Bereichen der damals laufenden Diskussionen um aufzuzeigen, dass diese „VC-Kultur“ nicht nur Kapitalgewinne für die Investoren und Firmengründer sondern auch nachhaltigen volkswirtschaftlichen Wachstum erzeugte. Ich wurde vermehrt für Vorträge und Podiumsdiskussionen eingeladen und konnte 1994 und folgende Jahre die von Elmar Ledergerber angeführte „Risiko-Kapital-Gruppe“ der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK-N) bei den Beratungen zur Einführung einer Anreiz-Gesetzgebung auf diesem Sektor begleiten (das Gesetz wurde 1996 eingeführt, hatte jedoch keine wesentlichen Wirkung, weil die ursprünglichen Postulate in der anschliessenden Vernehmlassung in guteidgenössischer parlamentarischer Manier aus Angst vor dem eigenen Mut bis zur Wirkungslosigkeit verdünnt wurden). Zudem hatten einige von mir geprägten Schlagworte, etwa „Venture Capital ist nicht nur Risiko-Kapital, sondern primär Chancen-Kapital“ Fuss gefasst.

 

Es war somit vor diesem Hintergrund, dass die Einladung zur Vorlesung seitens der ETH kam. Zwar hatte schon einige Jahre lang eine Vorlesung zu diesem Thema bereits bestanden, die vom erfolgreichen Unternehmer und Gründungspräsidenten der Swiss Venture Capital Association, Branco Weiss, gehalten wurde. Aber viel hatte geändert, und über die Zielgruppen und deren Vorkenntnisse sowie über die eigentlichen Ziele einer solchen Vorlesung bestanden an der ETH keine klaren Vorstellungen. Denn auf meiner Frage hin: „Was soll ich denn den Studierenden erzählen“, folgte in etwa die Antwort: „Sie wissen es doch besser, Sie sind der ETH Absolvent, der es zum bestandenen Firmengründer gebracht hat“.
Diese Antwort versetzte mich in eine interessante Lage: indem sie mir die eindeutige Verantwortung für die Lehrinhalte übertrug, löste sie einen auch für mich wertvollen Prozess aus: sie zwang mich zur Suche des Wesentlichen. Denn eine einsemestrige Vorlesung, insgesamt ca. 24 Stunden à 45 Minuten, kann nicht als „Mikro-MBA“ konzipiert werden. Ich kam dabei zur Schlussfolgerung, ich würde die Vorlesung nach folgenden Prinzipien gestalten:
• Welche sind auf Grund meiner unternehmerischen Erfahrung die wesentlichen Erfolgsfaktoren?
• Welche von diesen Erfolgsfaktoren sind einem ETH Absolvent zunächst nicht geläufig?
• Welche von diesen Erfolgsfaktoren werden in den Weiterbildungskursen, die er im Rahmen einer wirtschaftlichen Tätigkeit später besucht, normalerweise nicht schwerpunktmässig behandelt?
Die Antwort auf diese Fragen führte zur Gestaltung einer Vorlesung, die in der heutigen Terminologie als „Entrepreneurship“ bezeichnet würde und wo schon in den allerersten Folien das „Human Asset“ und das strategische Denken als die wesentlichste Erfolgsfaktoren herausgestrichen wurden. Ferner wurden sofort die Begriffe „Innovation“ und „Kundennutzen“ behandelt und die Beschreibung aller wesentlichen Aspekte einer Unternehmung mit diesen Begriffen durchtränkt.
Meine seitherigen eigenen Erfahrungen mit sehr vielen jungen Unternehmen und Neugründungen, aber auch in Verwaltungsräten mittelgrosser, auch börsenkotierter Unternehmen haben mich in meinem „Credo“ bestärkt und gezeigt, dass diese Aspekte für alle Wachstumsunternehmungen zentrale Erfolgsfaktoren darstellen, aber von viele Wirtschaftsführern und Unternehmern – nicht nur „junge“ – noch unterschätzt werden. Die Gespräche mit vielen erfolgreichen Unternehmern und Wirtschaftsführern über ihre diesbezüglichen Erfahrungen haben mir ferner gezeigt, dass mein „Credo“ nicht nur mein eigenes ist, sondern von vielen erfolgreichen Leadern geteilt und gelebt wird. Einige dieser Leader haben freundlicherweise die Mühe nicht gescheut, uns an ihren Erfahrungen mit kurzen Beiträgen teilhaben zu lassen, wozu ich mich auch im Namen der zukünftigen Leser und vor Allem aller Unternehmer und Firmengründer sehr herzlich bedanke.
Ich danke natürlich allen, die am Gelingen dieses Buches mitgewirkt haben. Meinen besonderen Dank gilt aber all jenen aus meinem familiären, beruflichen, freundschaftlichen und sportlichen Umfeld, die mich im Laufe meines Lebens mitgeprägt und somit meine Persönlichkeit und das in diesem Buch vorgestellte Credo mitgeformt haben. Erst heute, da ich durch eigene Erfahrungen reicher geworden bin, erkenn ich z.B. den grossen Beitrg meiner Eltern, indem sie mir ein humanistisch geprägtes Weltbild vermittelten, das sich trotz meiner technisch-wissenschaftlichen Ausbildung in meinen Anschauungen durchsetzte. Schliesslich danke ich meiner Co-Autorin, Sita Mazumder, ein entscheidender Faktor, meinen Wunsch, diese erfahrungen und Wissen in einem Buch festzuhalten, in die Realität umzusetzen.

Sita Mazumder

Bereits während meines Studiums in Ökonomie (1995-1999) an der Universität Zürich, bot sich mir die Möglichkeit, mein eigenes Unternehmen zu gründen. Zuvor hatte ich unter anderem bei oprandi & partner AG Erfahrungen im Executive Search-Bereich sammeln können, welche 1998 zur Gründung meines eigenen Personalvermittlungs- und Beratungsunternehmens führten. Wie mir schnell bewusst wurde, waren die Kenntnisse, die ich mir im Ingenieurstudium an der ETH in Zürich und im anschliessenden Ökonomiestudium an der Universität Zürich aneignete, das Fundament meiner Tätigkeit. Aber es waren die Erfahrungen aus der Praxis, aus den studienbegleitenden Anstellungen, die den Erfolg ausmachten.
Mit meinem Wechsel 2004 zur Eidgenössischen Bankenkommission war es notwendig, mein Unternehmen aufzulösen. Der Entrepreneur in mir ruhte eine Weile, das Interesse fürs Unternehmertum jedoch blieb unverändert bestehen. Es erstaunt deshalb nicht, dass ich 2005 neben meiner Tätigkeit am IFZ Institut für Finanzdienstleistungen Zug an der Hochschule für Wirtschaft HSW Luzern erneut ein Unternehmen gegründet habe und seither aktiv führe.

 

Im Rahmen der mit dieser Anstellung verbundenen Geschäftsführung für die SECA, die Swiss Private Equity and Corporate Finance Association, lernte ich Massimo S. Lattmann kennen. Dieser Kontakt und die zahlreichen, interessanten Gespräche mit ihm führten zusammen mit meinen Interessen zur Thematik als Wissenschafterin sowie den Erfahrungen als Unternehmerin zum vorliegenden Buch. Von den Erfahrungen meines Co-Autors zu lernen war und ist dabei von unschätzbarem Wert, wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bei Massimo S. Lattmann bedanke.
Der Umgang mit Menschen, beruflich wie auch privat, hatte für mich stets etwas Faszinierendes. Letztendlich basiert alles auf diesem Faktor Mensch. Es sind denn auch Menschen, die zum Gelingen des vorliegenden Werks beigetragen haben. Herzlicher Dank an Andrea Wikart, die mit ihrer speditiven Unterstützung sehr geholfen hat, das Buch erfolgreich abzuschliessen. Weiter danke ich in meinem privaten und beruflichen Umfeld allen, die mich bei diesem Projekt in irgendeiner Form unterstützt haben.

© Lattmann / Mazumder, NZZ Verlag, 2007